Stand: 23.06.2026. Cookie-Banner gelten vielen Nutzern als Sinnbild für übertriebene Bürokratie. Der neue Streit um den EU-Digital-Omnibus zeigt aber, dass die Banner nicht nur ein Bedienproblem sind. Sie sind auch ein Machtinstrument im Online-Tracking.
Die Datenschutzorganisation noyb berichtet, dass der Rat der EU in einem aktuellen Kompromisstext den geplanten Artikel 88b gestrichen hat. Dieser Artikel sollte eine technische Alternative zu einzelnen Cookie-Bannern ermöglichen. Nutzerinnen und Nutzer hätten ihre Entscheidung gegen oder für Tracking über ein automatisiertes Signal im Browser oder Gerät übermitteln können. Die Europäische Kommission hatte diesen Weg im Rahmen des Digital Omnibus vorgeschlagen, um Einwilligungen einfacher und weniger manipulationsanfällig zu machen.
Der eigentliche Streit dreht sich nicht um schöne Banner
Hinter der Debatte steht ein Grundproblem der Datenschutzpraxis. Webseiten dürfen Menschen nicht einfach über viele Drittanbieter hinweg verfolgen, wenn dafür eine Einwilligung nötig ist. In der Praxis wird diese Einwilligung oft über Banner abgefragt, die Ablehnen verstecken, Zustimmen hervorheben oder mehrere Klicks erzwingen. noyb verweist darauf, dass solche Muster die Entscheidung der Nutzer verzerren können. Genau deshalb ist die Frage wichtig, ob die Entscheidung künftig zentraler und klarer über ein Signal übermittelt werden kann.
Der Vorschlag der Kommission zielte nicht darauf, jede personalisierte Werbung zu verbieten. Nach der Darstellung von noyb sollte weiterhin eine Einwilligung pro Webseite und Zweck möglich bleiben. Der Unterschied läge darin, dass die erste Wahl nicht mehr auf jeder einzelnen Seite durch ein eigenes Banner neu erkämpft werden müsste. Für seriöse Anbieter könnte das sogar entlastend sein, weil weniger Oberfläche für fragwürdige Gestaltung bleibt.
Google und mehrere Staaten bremsen die technische Alternative
noyb stützt seine Kritik unter anderem auf den Kommissionsvorschlag, einen vom Portal veröffentlichten Ratskompromiss vom 18. Juni und ein Lobby-Papier von Google. In diesem Papier warnt Google vor wirtschaftlichen Folgen, wenn Browser oder Betriebssysteme Einwilligungen auf einer höheren Ebene übertragen. noyb hält diese Argumentation für überzogen, weil der Kommissionsvorschlag weiterhin differenzierte Zustimmungen erlauben würde.
Brisant ist die politische Seite. Laut noyb haben unter anderem Deutschland, Frankreich und Polen gegen die Beibehaltung der geplanten Regel gedrängt. Damit würde ausgerechnet eine Maßnahme geschwächt, die als Vereinfachung für Nutzer und Unternehmen gedacht war. Der Konflikt passt damit nicht in die einfache Erzählung, dass Datenschutz automatisch zu mehr Pop-ups führt. Er zeigt eher, dass die Tracking-Wirtschaft ein Interesse daran haben kann, die heutige Bannerlogik zu erhalten, weil sie Entscheidungen beeinflussen kann.
Was Unternehmen aus dem Fall lernen sollten
Für Datenschutzteams ist der Fall mehr als Brüsseler Detailpolitik. Wer Einwilligungen einholt, sollte nicht nur prüfen, ob irgendwo ein Button angezeigt wird. Entscheidend ist, ob die Wahl verständlich, freiwillig und ohne Druck möglich ist. Ein Banner, das formal nach Einwilligung aussieht, kann rechtlich und reputativ problematisch bleiben, wenn es Nutzer in eine Richtung schiebt.
Unternehmen sollten deshalb ihre Consent-Oberflächen gegen drei Fragen prüfen. Ist Ablehnen genauso einfach wie Zustimmen? Werden Zwecke und Empfänger so erklärt, dass normale Nutzer sie verstehen? Und wäre das Modell noch vertretbar, wenn Browser oder Geräte künftig klare Datenschutzsignale senden würden? Wer diese Fragen heute ernst nimmt, ist besser vorbereitet, egal ob Artikel 88b in den Verhandlungen zurückkehrt oder endgültig verschwindet.
Der aktuelle Streit macht sichtbar, warum Datenschutz nicht bei der Oberfläche endet. Cookie-Banner sind nur der sichtbare Teil eines Systems, in dem Werbenetzwerke, Webseiten, Browser, Rechtsgrundlagen und politische Interessen zusammenlaufen. Wenn die EU eine echte Vereinfachung erreichen will, muss sie deshalb nicht nur weniger Klicks versprechen. Sie muss verhindern, dass Einwilligung zur dauerhaft manipulierbaren Routine wird.
Quellen: noyb, „EU Member States (and Google) suddenly want to keep cookie banners!“, 23.06.2026, https://noyb.eu/en/eu-member-states-and-google-suddenly-want-keep-cookie-banners. Europäische Kommission, Digital Omnibus Vorschlag, CELEX 52025PC0837. Von noyb veröffentlichter Ratskompromiss vom 18.06.2026. Von noyb veröffentlichtes Google-Lobby-Papier gegen Artikel 88b.
Bildquelle: Pexels, https://www.pexels.com/photo/scrabble-tiles-spelling-consent-on-wooden-surface-30918011/




